Einmal Dürrröhrsdorf – Weltall, bitte!

Benno ist nicht nur Drummer der Band Eclipsense und ein netter Bekannter unserer Band, er studiert auch Medienmanagement an der Hochschule Mittweida.

Innerhalb des Moduls „Classic Journalismus“ hatte er die Aufgabe eine Reportage zu verfassen…und hey…welches Thema eignet sich am besten dafür? Ein Besuch einer Bandprobe von Ticket to Reason, selbstverständlich!

Wir jedenfalls finden die Reportage mehr als gelungen, aber lest selbst:

„Einmal Dürrröhrsdorf – Weltall, bitte!“

Die Freiheit hinter Schall- und Asbest-Wänden

Es ist spät am Abend, der Vollmond scheint auf weite Hügel. Eine Baracke, irgendwo im sächsischen Hinterland . Dumpfes Grollen dringt nach außen. Hinter schweren Stahltüren unterhalten sich Männer auf abgesessenen Polstermöbeln – dem Schalldruckpegel zum Trotz. Den Raum überwölbt ein armeegrünes Tarnnetz. Keine Militärästhetik, sondern Abschirmung der laveden Deckenplatten. Während die Ohren den ersten Schock verdauen, wird ein Arsenal an Instrumenten sichtbar. Noch witzelt Stephan in säuselndem Sächsisch. Sobald er anfängt, zu singen, wird der Dialekt verschwunden sein – und mit ihm jegliches Gefühl für Zeit und Raum.

Jede Woche wieder

Seit 11 Jahren proben sie hier – „Ticket to Reason“ heißt die Band, die es sich zwischen Verstärkern und mit Eierkartons gespickten Wänden gemütlich gemacht hat. Die Vorbereitungen für die letzte Probe vor dem Auftritt werden getroffen. „Mach ma noch en bissl leiser!“ ruft Stephan seinem Kollegen Enrico zu, der nur etwa drei Meter entfernt steht. „Ich hab’s hier über die Anlage noch nie gehört“ entgegnet jener. Das Klavier sei etwas übersteuert, meint Stephan. Er muss sich jedoch eines Besseren belehren lassen: es ist ein E-Piano. Völlig spontan schmettert er eine arienhafte Tonfolge über das Intro, während sich Enrico ein Bier hebelt. „Alte Saufschnauze!“

Nebenan unterhält sich Schlagzeuger Dorian mit einer Arbeitskollegin. Seidiger Tabakqualm vernebelt das unbeheizte Zimmer. Sein Hund Maiki ist immer dabei und erobert im Handumdrehen jedes Herz mit einem Blick. Unterdessen trudelt auch Erik ein, Bassist bei den Tickets. Einmal wöchentlich kommen sie hier zusammen und machen Musik, manchmal für mehrere Stunden, manchmal nur 30 Minuten. So lang wird der Auftritt sein und länger darf auch die Probe heute nicht dauern, denn Dorian muss zur Nachtschicht im Pflegedienst.

Vier Pole werden zur Einheit

Endlich groovt „Zeit für Zukunft“ los – der erste Song des Abends. Satte Rock-Mucke durchdringt die dünnen Wände. In der Bridge öffnet im Probenraum ein Paralleluniversum seine Pforten. Über dem Fundament aus Bass und Schlagzeug konstruiert Enrico auf seiner Gitarre regelrechte Säle. Atmosphären der Melancholie, aber auch der Freiheit. Der absoluten Freiheit, die sich für eine halbe Stunde in diesem kleinen, schummrig beleuchteten Raum auftut. Ihm obliegt als Gitarrist die melodische Federführung. Auch in instrumentalen Passagen schleicht sich Stephans Kopfstimme immer wieder sanft, aber eindringlich an. Einige Texte hat Stephan meist schon im Petto, manchmal sind es eigentlich Gedichte. Die werden dann auf den jeweiligen Song zugeschnitten. Bei „Spieler“, einer noch recht frischen Nummer der Tickets, habe es seit 2014 insgesamt vier Versionen gegeben, bevor es inhaltlich und strukturell gepasst hat.

Ansonsten betrachtet Stephan, seines Faches leidenschaftlicher Video-Sammler, die Musik eher aus der Außenperspektive – auch das sei im Bandgefüge wichtig. Vielleicht klingen die Lieder der Tickets darum so vielschichtig und dennoch nicht verkopft. Erik und Dorian geben natürlich auch noch ihren Senf dazu. Die Musik ist ein Destillat aus dem Zusammenwirken aller. Erik kümmert sich gleichzeitig ums Marketing und die sozialen Medien – es sei heute von Vorteil, so jemanden dabei zu haben, erörtert Stephan. Unterdessen nehmen „Spieler“ und „Die Reise“ ihren Lauf – ohne Einwände, Wiederholungen oder wahrnehmbare Unsauberkeiten. Die Band ist eingespielt, alle funktionieren miteinander.

Silikontitten, Männerfilme und sächsische Dörfer

Zwischendurch gibt es auflockernde Intermezzi. Ein Kalenderblatt sorgt für Aufsehen. „Oktober war der absolute Favorit!“ Nach kurzer Analyse schlussfolgert Stephan trocken: die hat gemachte Brüste! Dann heißt es plötzlich: „Disko, Disko!“ – „Da müssmerʹs Flacker anmachen!“ Dorians Bass Drum hämmert in der Magengrube. Lichterketten und ein Leucht-Emblem schmücken den Raum. Gleichsam vielfältig wie die Musik, fällt die Dekoration des Band-Domizils aus. Im Flur sind die Wände vor Schallplatten kaum sichtbar. Cat Stevens und Whitney Houston hängen hier neben russischen Schlager-Kompilationen. Über das Pissoir im Sanitärraum wacht Danny Trejos grimmiger Blick. Auch im Rest des Gebäudes blicken Stars wie Anthony Hopkins oder Al Pacino auf den Besucher herab. „Das hing früher in meinem Kinderzimmer, dann durft‘ ich’s ni mehr“ scherzt Enrico. „Ein bisschen schwierig mit Frau und Kindern“. Alle vier Bandmitglieder sind über 30, verheiratet, haben eine Familie. Stephan und Enrico sind Kollegen, arbeiten in einer Behindertenwerkstatt.

Wie der Bandname entstanden ist, weiß keiner mehr so genau. „Nur, dass es an diesem Tisch war“ erinnert sich Stephan. Es habe schon Bezüge zu damaligen Texten gegeben. „Wahrscheinlich wollten wir einfach erwachsen klingen“, räumt Enrico ein, während im Hintergrund alte Demo-Aufnahmen laufen. Stephan sitzt auf einer Box und schmunzelt. Damals hat er noch auf Englisch gesungen. Deutsch sei keine unkomplizierte Sprache. Doch sie gebe die Möglichkeit, für alles einen eindeutigen Ausdruck zu finden. Sicher sei das im Englischen genauso machbar, es tue bloß niemand. Weshalb der Bandname unverändert blieb, verrät die Band auch: eine Abwandlung in „Ticket“ wurde verworfen. „Nee nee nee, da nennen wir uns lieber ‚Eschdorf‘“, soll es damals geheißen haben. Eschdorf liegt nebenan.

Zwischen Sonnenauf- und Sternenuntergang

Es ist Zeit für den letzten Song. „Erik, dein Intro!“ ruft Enrico. Aber das würde ja jetzt sowieso von Stephans Ansprache ans Publikum übertönt. „Ja, genau, das wird jetzt völlig niedergemacht“, poltert es aus Richtung Schlagzeug. „Ist auch gut so“, meint Erik mit einem Grinsen im Gesicht. Wenn den Sachsen eines nicht fehlt, dann ist es der Humor. „Supernova“ ist mittlerweile ein Klassiker der Tickets. Auf das beeindruckende Synth-Intro und die beschwingten Strophen folgt ein beinahe Black- Sabbath-hafter Chorus. Man schließt die Augen und wieder schwirrt hauchzarter Gesang durch den klanglichen Orbit. „Wenn sich das Blatt wendet, vom Vers zum Refrain“, dann offenbart Stephan sich. In jedem Lied gibt es kleine Sonnenaufgänge, Momente, die aufhorchen lassen und sich ins Gedächtnis graben. Die Musik ist Mittel, Dinge zu sagen, die sonst nicht verstanden würden. Sichvöllig frei von den eigenen Unsicherheiten auszudrücken. „Zerreiße die Fesseln der Bedeutungslosigkeit“ heißt es in einem ihrer Lieder. Und genau das, so scheint es, tun diese vier Menschen – jede Probe aufs Neue.

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© Ticket to Reason / 2019-2020